Wer war Hans Asperger? Ein Artikel von Wolfgang Stemmer

Die Diagnose Asperger Autismus

Wie kam es dazu?

Es war die britische Psychiaterin Lorna Wing (1928-2014), die 1981 durch ihren Artikel: „Asperger´s Syndrome: A Clinical Account“ den Stein ins Rollen brachte. International bekannt war die Diagnose des Kinder- und Jugendpsychiaters Leo Kanner (1894-1981), der den frühkindlichen Autismus, den Kanner-Autismus, beschrieb. Da bei Lorna Wings Tochter, Susie, Autismus diagnostiziert wurde, wandte sich die Psychiaterin diesem Arbeitsgebiet zu. In diesem Zusammenhang entdeckte sie um 1970 die Habilitationsarbeit von Hans Asperger (1906-1980) aus dem Jahre 1944 mit dem Thema: „Die «Autistischen Psychopathen» im Kindesalter“. Bald war sie davon überzeugt, dass beide Forscher nur unterschiedliche Gesichtspunkte für dieselbe Störung beschrieben hatten. 

Hans Asperger hatte seine Forschungen nur im deutschsprachigen Raum veröffentlicht. Deshalb dauerte es bis in die 1960er Jahre, bis internationale Psychiater auf Aspergers Arbeiten stießen. Ende der 1970er Jahre, kurz vor seinem Tode, traf er sich mit Lorna Wing in der Cafeteria eines Londoner Hospitals, „um die Frage «bei einer Tasse Tee» zu diskutieren. Eine Einigung kam nicht zustande. So blieb jeder bei seiner Auffassung. 

Durch ihren Artikel von 1981, indem Lorna Wing „das Syndrom nach Asperger benannte, war eigentlich nur eine höfliche Geste gegenüber einem Kollegen, denn Wing hatte selbst viel mehr zu dem Thema veröffentlicht als Asperger“, schreibt Edith Sheffer. Später musste sie jedoch eingestehen, dass sie mit der Bezeichnung Asperger-Syndrom »die Büchse der Pandora geöffnet« hatte, denn auf diese Art hatte sie die Diskussion über eine separate Diagnose eröffnet“. 

1991 veröffentlichte Uta Frith eine englische Übersetzung von Aspergers 1944 erschienener Habilitation. Aber genauso wie Lorna Wing ignorierte sie das Vorwort von Aspergers Arbeit, indem er sich auf die NS-Kinderpsychiatrie beruft und seine Diagnose in den intellektuellen Rahmen des Dritten Reichs eingeordnet hat, nicht in ihre Übersetzung auf.“

„In den neunziger Jahren“, so Sheffer, „setzte sich die Definition des Asperger-Syndroms weltweit durch. Im Jahr 1992 nahm die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Syndrom als eigene Diagnose in ihre Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD)“ und weitere internationale Schriften auf. 2013 ersetzte die American Psychiatric Association die Diagnose Asperger-Autismus durch «Autismus-Spektrum-Störung«. Die Folge davon ist, dass „die Kriterien erweitert wurden, und die Zahl der Diagnosen stieg“. Bedauerlich ist, dass die zuständigen Ethik Kommissionen Aspergers Vergangenheit nicht gründlich unter die Lupe genommen haben, bevor sie der Namensgebung Asperger-Syndrom zustimmten.

„Lorna Wing bedauerte schließlich, wie sie Aspergers Vorstellungen in der englischsprachigen Welt eingeführt und das Schicksal der Diagnose Autismus in eine andere Richtung gelenkt hatte. Kurz vor ihrem Tod erklärte sie im Jahre 2014: 

„Ich wünschte, ich hätte es nicht getan. Heute würde ich alle Etiketten einschließlich des Asperger-Syndroms verwerfen und einen dimensionalen Zugang wählen. Die Etiketten haben keinerlei Aussagekraft, denn es gibt so viele verschiedene Profile“. 

Ich beziehe mich bei den Zitaten auf das Buch von Edith Sheffer: „Aspergers Kinder. Die Geburt des Autismus im »Dritten Reich«, S. 276-280. 

 

Kindheit und Jugend

Johann „Hans“ Friedrich Karl Asperger kam am 18. Februar 1906 in Hausbrunn bei Wien zur Welt, so kann man es im „Geburts- und Taufbuch“ der Pfarre Altlerchenfeld, Wien, 1906, Fol. 17, Reihe-Zahl 50 nachlesen. Seine Eltern waren einfache Leute. Der Vater Johann Asperger war Buchhalter, seine Mutter Sofie, geb. Messinger, kam aus einer Bauernfamilie. Hans hatte noch zwei Brüder, er war der Älteste. Der mittlere Bruder starb kurz nach der Geburt, der Jüngste, Karl, fiel 1942 in Russland.

Aspergers Tochter Maria Asperger Felder, selbst Kinder- und Jugendpsychiaterin, schrieb eine Auto-Biographie über ihren Vater, in dem sie ihn zu Wort kommen lässt. „Wie bin ich erzogen worden? Mit viel Liebe, ja Selbstentäußerung von meiner Mutter, mit großer Strenge von meinem Vater. Mein Vater hat immer daran gelitten, dass ihm eine höhere Bildung versagt war, und nun musste sein Sohn das erreichen, was er nicht erreichen konnte. (…) Ich habe das Glück gehabt, immer gute Lehrer zu finden, während meines ganzen Lebensweges (…) Von den letzten Volksschuljahren an, aber dann in steigendem Maß, war ich ein wilder Leser. (…) Ja, das Lesen. Dabei habe ich erlebt, aber nicht nur bei mir, aber bei mir besonders, dass es mit dem Lesen etwas Schicksalhaftes an sich hat.“

In der sogenannten Mittelschulzeit schloss sich Hans den „Fahrenden Scholaren“, einer Gruppe des Österreichischen „Bund Neuland“. Seine Tochter zitiert ihn: „Geprägt weiß ich mich vom Geist der Deutschen Jugendbewegung, die eine der edelsten Blüten des deutschen Geistes war. Das Wort, mit dem diese Bewegung begann (1913 auf dem Hohen Meissner in Sachsen): „In Freiheit und Verantwortung das eigene Leben gestalten“ – hat sie in einem hohen Sinn wahr gemacht: das Bewahren des Natürlichen im Menschen und im außermenschlichen Bereich gehörte ebenso zu dieser Lebensform wie der pädagogische Elan“.

Wochenlange Wanderungen, Bergfahrten, das Erleben der Gemeinschaft, noch mehr aber der Natur und der Kunst prägten Hans Asperger zutiefst.“

Der „Bund Neuland“, der 1919 als „Christlich-deutscher Studentenbund“ gegründet wurde, ging aus der katholischen Jugendbewegung hervor. Ein Gründungsanlass war der Kampf gegen die Säkularisierung. Der Bund „wollte Stütze und Ansporn sein in der Erziehung zu praktischem Christentum. Zielbild war der „neue Mensch“, der zutiefst katholische. Die „Wiedergeburt der Kirche in den Seelen“, die „Überhöhung des Traumes vom Jugendreich durch die Wirklichkeit des Gottesreiches“ waren für die jungen Neuländer keine Lippenbekenntnisse, sondern Ausdruck tiefsten Erlebens – Erleuchtung, Erneuerung, Ergriffenheit, Eintreten in ein neues Leben (Karl Thums in der jb-information 9/61).“ Die Zeitschrift des Bundes Neuland war die „Neue Jugend“. Als Autor findet man auch Hans Asperger, der diesem Bund sein Leben lang treu geblieben ist.

Der Bund Neuland erklärte als erster katholischer Verein die Unvereinbarkeit der Mitgliedschaft im Neuland mit dem Nationalsozialismus und löste sich 1938 beim Anschluss Österreichs selbst auf.

In einem Interview der „Wiener Zeitung“ vom 31.03.2014 mit dem Historiker Herwig Czech ist „der Bund Neuland als Teil des rechten deutschnationalen Randes des österreichischen politischen Katholizismus einzuordnen. Da herrschte eine Mischung aus Wandervogel-Ideologie, eine diffuse Aufbruchstimmung, gepaart mit Deutschtümelei und antisemitischen Vorstellungen sowie einer klaren Frontstellung gegenüber Liberalismus, Marxismus, und allen kulturellen Einflüssen der Moderne, die man sich als den Katholizismus zersetzend vorstellte.“

Wir werden gerade diese Haltungen Aspergers in seiner Biographie immer wieder finden. Sie sind eigentlich die Grundlage seines Handelns.

In der nächsten Folge werde ich seinen ersten beruflichen Schritten nachgehen. Dazu wird dieser Beitrag erneut aktualisiert. Schaut einfach wieder rein.

Quellen:

wikipedia: Hans Asperger, S. 5
Maria Asperger Felder: „Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt“. Hans Asperger (1906-1980): Leben und Werk, S. 99 f in: Rolf Castell (Hg.): Hundert Jahre Kinder- und Jugendpsychiatrie. Biographien und Autobiographien, Göttingen 2008.
Rudolf Kneip: Jugend der Weimarer Zeit. Handbuch der Jugendverbände 1919-1938, Frankfurt / Main 1974, S. 265 f
Wiener-Zeitung vom 31.3.2014, Interview mit Herwig Czech: Hans Asperger – „Er war Teil des Apparats“, S. 1
 

Wolfgang Stemmer

ist 1951 in Augsburg geboren. Lehre zum Maschinenschlosser. Studium der Sozialarbeit in Hagen. Angestellt als Dipl. Sozialarbeiter im Jugendamt in verschiedenen Bereichen, u.a. mit seelisch behinderten Kindern und Jugendlichen und als Vormund für Minderjährige. Zuletzt drei Jahre beschäftigt in einer Autismus-Therapie-Ambulanz. Jahrelang auf Landes- und Bundesebene in verschiedenen Funktionen im Deutschen Diabetiker Bund ehrenamtlich tätig. Seit 2016 in Rente. Aktiv in einer Autismus Selbsthilfegruppe. Verschiedene Veröffentlichungen.
0 Kommentare

Hinterlasse ein Kommentar

Mit Benutzerdaten anmelden

oder    

Hast du dein Passwort vergessen?

Create Account