Visuelle Wahrnehmung bei Autisten Ein Artikel von Jenny Groß

Visuelle Wahrnehmungsveränderung 

Die detailorientierte Wahrnehmung weist besondere Stärken auf, so dass beispielsweise kleinste Gegenstände auf einem Hintergrund erkannt werden können. In der Muster- und Fehlererkennung zeigen Autisten ein großes Talent. Nicht selten werden sie in diesem Arbeitsbereich erfolgreich eingesetzt, z.B. in der Software IT Branche. Sie können sich unter gegebenen Bedingungen besonders gut auf kleine Details fokussieren und verharren dort konzentriert. Man nennt dies auch Hyperfokus. Hingegen fällt es ihnen schwerer, sich auf das Gesamtbild zu konzentrieren und dieses als solches wahrzunehmen. Hans Asperger drückte dies folgendermaßen aus:“Das Geteilte vor dem Ganzen.“ Gemeint war damit die zuvor beschriebene schwache zentrale Kohärenz. Diese einzelnen Details vor der Gesamtheit zu sehen wurde bereits früh von der Londoner Forscherin Uta Frith in der Theorie der schwachen zentralen Kohärenz im Kontext mit der autistischen Wahrnehmung populär gemacht. 

Bereits einige autistische Autoren schrieben über ihre Reizüber- und Unterempfindlichkeit, welche individuelle Unterschiede aufweist. Sowohl visuell, als auch sensorisch. Reize können überdurchschnittlich stark oder schwach wahrgenommen werden. Auch wurde über eine teilweise inkonsistente visuelle Wahrnehmung berichtet, so dass Reize beispielsweise einmal sehr hell oder dunkler erscheinen mögen. Dies ist von Autist zu Autist sehr variabel oder ggf. auch nicht immer gegeben. 

Zur Wahrnehmungsorganisation 

Generell werden Reize nach der visuellen Reizaufnahme bzgl. ihrer Merkmale analysiert und zusammengefügt. Bei autistischen Menschen wurden Unterschiede in der Aufmerksamkeit für Reize festgestellt. So orientierten sich Autisten an anderen Hinweisreizen, als die meisten Menschen. Autisten zeigten hier jedoch keine verminderte Aufmerksamkeit. Wurde ein visueller Reiz einmal von einem Autisten fokussiert, ließen diese sich schwerer in ihrer Aufmerksamkeit wieder davon losreißen. Teilweise entstand sogar eine Art „Tunnelblick“, wobei sich Autisten auf Teilausschnitte eines Gesamtbilds fokussierten. Autisten lassen sich weniger vom Kontext, als von Einzelreizen beeinflussen. Auch lassen sich somit teilweise die häufig auftretenden Probleme mit der Gesichtserkennung autistischer Menschen erklären. Denn diese fungieren eher detailorientiert und weniger auf das Gesamtbild ausgerichtet. Gesichter werden sozusagen in ihre „Bruchstücke“ zerlegt. Es wird zudem vermutet, dass sich Emotionen von autistischen Menschen deshalb schwieriger von Gesichtern ablesen lassen könnten. Dies basiere jedoch rein auf visueller Wirkung, denn Emotionen erkennen Autisten genauso wie die meisten anderen Menschen in ihrem Umfeld. Herausragende Fähigkeiten wiesen Autisten beim „Mosaik-Test“ auf, bei dem die Zerteilung eines optischen Gesamtmusters in seine einzelnen Elemente erfolgen sollte. 

Autistische Künstler zeigen häufig, dass sie bei einem Sekundärteil eines Objektes zu zeichnen beginnen und das Bild aus diesen Einzelteilen wächst. Die meisten Menschen beginnen jedoch im Gegensatz dazu mit einem globalen Grundriss und fügen Einzelteile ein. 

 

Jenny Groß

1982 in Heidelberg geboren, fachgebundene Hochschulreife, im Anschluss das Latinum und Graecum (Altgriechisch) in einem Jahr absolviert, Ausbildung zur Krankenschwester in der Psychiatrie, viele Jahre Berufserfahrung im Fachbereich Psychiatrie (Akutpsychiatrie, forensische Psychiatrie, Polytox Station). Autismus Aufklärungsarbeit hat einen großen Stellenwert bei ihr, Spezialinteressen: Autismus und Psychiatrie.
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