Ein langer Weg zu sich selbst Ein Artikel von Regine Winkelmann

Braucht es eine Diagnose?

Als Argument für eine Autismus-Diagnose wird oft die evtl. notwendige Hilfe erwähnt, die je nach Bedarf und Lebenssituation für den Autisten von zentraler Bedeutung sein kann. Ob es Hilfen für Kinder in Form von Schulbegleitung sind, oder spezifische Therapien, Coaching und Assistenz auch bei Erwachsenen. Hilfen, die speziell für unsere Bedarfe individuell abgestimmt werden, gibt es nur, wenn eine fachärztliche Diagnose vorliegt.

Eine Diagnose ermöglicht die Selbsterkennung

Doch das ist nicht der einzige Grund. Viel wichtiger noch ist die, durch eine Diagnose ermöglichte eigene Auseinandersetzung mit seiner autistischen Identität. Erst dieser Prozess, der realistischen Selbsterkennung, schafft die Voraussetzung mit sich und der eigenen Wahrnehmung auf sich und die Umwelt, Frieden schließen zu können und eine Position der Selbstakzeptanz einzunehmen.
Nur so lassen sich einige Problemfelder, die aus der autistischen Wahrnehmung resultieren, sinnvoll angehen und Lösungen dafür erarbeiten, die auch passend sind. Denn für gut funktionierende und umsetzbare Lösungskonzepte ist nun entscheidend, ob sie aus der gewonnenen Position der Akzeptanz entstanden sind, oder einen negativ geprägten Blickwinkel auf sich enthalten.

Inhomogenes Stärken-Schwächen-Profil

Vor allem für uns hochfunktionale Autisten ist das sehr inhomogene Kompetenzprofil schon fast obligat. Wir können die eine Sache sehr gut und eine andere wiederum gar nicht. Alltagskompetenzen, die Nichtbetroffene bereits in der Kindheit erlangen, können für uns eine unüberwindbare Hürde und Anstrengung bedeuten. Das ist nicht nur für Außenstehende irritierend und unverständlich: “Warum kannst du das heute nicht, gestern klappte es doch auch?”

Für uns ist es das aber oft ebenso: “Warum kann ich das Eine so gut und das Alltägliche nicht?” Eine komplexe Tätigkeit ist oft weniger Problematisch als ein wöchentlicher Einkauf im Supermarkt.
Haben wir doch von Kind an eben diesen meist verschobenen Blick auf uns und unsere Defizite deutlich vor Augen geführt bekommen. Das Wissen, dass wir an Kleinigkeiten scheitern, ist tief in uns eingegraben. Denn leider ist diese Sicht auf vorhandene Defizite oft das, was insgesamt mehr Gewicht erhält. Es beginnt bereits während der Erziehung und wird fortgeführt während der Schulzeit und bei den meisten therapeutischen Interventionen. Durch all die Aufmerksamkeit, die das “nicht Können”, die das “Falschsein”, erhält, wird der Blick auf die Defizite regelrecht kultiviert.
Autistisches Verhalten wird dann gleichgesetzt mit Fehlverhalten und dieses bekommt innerhalb der Gesellschaft den Stellenwert, falsch zu sein. So erfahren wir alle einen mehr oder weniger hohen Anpassungsdruck von klein auf, der viel Kompensationsstrategien von uns verlangt. Eine Kraftanstrengung, die auch den hohen Preis der Selbstverleugnung und Selbstverkennung hat.
Die Biografien erwachsener Autisten zeigen hier erschreckend identische und krisendurchsetzte Lebensläufe. Trotz teilweise guter Schulabschlüsse, sogar Promotionen ist es den wenigsten Autisten gelungen ein weitgehend, an der Gesellschaft orientiertes Leben zu leben. Es ist geprägt von Schulabbrüchen, Berufsfindungsschwierigkeiten, von psychischen Erkrankungen, Armut und auch sozialer Isolation.
Das sind Ereignisse und Umstände, die sich bei genauer Betrachtung unmittelbar aus der autistischen Identität und den damit einhergehenden Schwierigkeiten ergeben haben. 

Betrachtet man die Kernkriterien für die Autismus-Diagnose, dann sieht man unmittelbar die Schwierigkeiten, um die es im Kern geht.
Es handelt sich dabei um Abweichungen und Auffälligkeiten folgender Punkte:

  • Auffälligkeiten der in sozialen Interaktion
  • Auffälligkeiten in der Kommunikation
  • auffallende eingeschränkte, repetitive oder stereotype Verhalten, Interessen und Aktivitäten

Die Stärken hervorheben

Nun resultieren diese autistischen Verhaltensweisen aus eben dieser anderen Wahrnehmung und unserem anderen Denken.
Das zu Erkennen und darin nicht nur Fehler zu sehen, ist für viele von uns ein weiter Weg.
Der umso weiter und steiniger ist, desto mehr unser Umfeld darauf bedacht ist, die Defizite hervorzuheben.
Denn letztlich sind diese Defizite auch unsere Stärken und Fähigkeiten. Und diese beschränken sich nicht nur auf die oft erwähnten skurrilen oder einseitigen Spezialinteressen und Obsessionen.

Um nur einige der Stärken zu nennen, die bei Autisten oft anzutreffen sind:

  • Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit
  • hohe Loyalität und starker Gerechtigkeitssinn
  • logisches und analytisches Denken
  • außergewöhnliche Gründlichkeit Gewissenhaftigkeit
  • extrem gutes Auge für Details und Erkennung von Fehlern
  • schnelle Auffassungsgabe und Kenntnisaneignung für bestimmte Sachgebiete

Gründlichkeit im Denken

Hinzu kommen oft Eigenschaften, die sich am besten als “tiefsinniges und intensives Denken” bezeichnen lassen könnten. Natürlich würde niemand gerne das Gegenteil von sich behaupten. Nämlich, dass er oberflächlich oder flüchtig denkt. Doch ist das tiefschürfende Denken und sich in die Materie eines Themas, eines Problemfeldes hineinzugeben vielen Autisten in einer besonders intensiven Weise möglich. Ich kenne nur sehr wenige Personen, die ohne Autismus in der Lage wären, in derselben Intensität sich einem Thema zuzuwenden. Und diese wenigen sind meines Erachtens auch in keiner Weise im “neurotypischen Spektrum” anzusiedeln.
Ein autistisches Gehirn denkt Gedanken zu Ende. Es kann einen Gedanken nicht stehen oder ruhen lassen, nur weil es anstrengend wird. Konzepte oder erdachte Lösungsstrategien müssen in ihrer Komplexität vollständig sein. Auch, wenn das Denken viel Zeit beansprucht und sogar Schmerzen verursacht. Ja, Denken kann weh tun.
Bei dieser Eigenschaft möchte ich bewusst auf eine Bewertung verzichten. Es ergibt keinen Sinn, an dieser Stelle festzulegen, ob das als positive oder negative Eigenschaft einzuordnen ist.
Es ergibt aber sehr wohl Sinn, in vielen Bereichen des Lebens tiefgründig und mit aller Gründlichkeit zu denken. Nach der Wahrheit zu suchen und Fehler und Trugschlüsse aufzudecken. So, ein Thema durchdenken ist höchst befriedigend und gewinnbringend, wenn auch sehr energieaufwändig und kräftezehrend.

Akzeptanz und Anerkennung

Damit haben wir Autisten nicht die Wahrheit gepachtet. Aber wir haben auch nicht “die falsche Sicht”, oder “das falsche Denken”. Sondern wir haben eine weitere, eine andere, eine differenzierte Sicht, die, gut genutzt für die gesamte Gesellschaft eine gewinnbringende Ergänzung bedeuten könnte.
Die Autistin und Anthropologin Temple Grandin sagte einmal: “Die Menschheit braucht alle Formen des Denkens.” In dieser kurzen Aussage steckt eine brillante Lösung für unsere vielfältige Gesellschaft. Akzeptanz und Anerkennung, dass Diversität in jeder Hinsicht für alle ein Mehrgewinn ist.
Und genau dahin wollen wir. Dafür lohnt sich auch ein steiniger Weg.

 

 

Regine Winkelmann

geboren 1964 hat nach abgeschlossenem Ingenieurstudium vier Kinder zur Welt gebracht. Mit ihrer Ausbildung zur Heilpraktikerin folgte Sie ihrem weiteren Spezialinteresse und arbeitet seit 20 Jahren unterrichtend als Dozentin für freie Gesundheitsberufe. Nach Publikation ihres ersten Buches ist sie als Referentin vortragend unterwegs und berichtet über Autismus und artverwandte Neurodiversität aus ihrer Sicht als Autistin und Mutter betroffener Kinder. Authentische Erfahrungsberichte, aus ihrem Alltag, Familien- und Arbeitsleben, sowie einige Auszüge ihrer Vorträge werden hier von ihr gebloggt.
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