Alexithymie - blind für Gefühle Ein Artikel von Jenny Groß

Die unbekannte Variante Gefühle nicht wahrzunehmen.

Schon seit Jahren ist bekannt, dass etwa 10% der Bevölkerung in Deutschland von Alexithymie, der sogenannten Gefühlsblindheit, betroffen sind. Das Wort Alexithymie stammt aus dem Altgriechischen und setzt sich aus folgenden Wörtern zusammen: α- (a-) „nicht“, ἡ λέξις (he léxis) „Rede, Wort“ und ὁ θυμός (ho thymós) „Gemüt“; ἡ λέξις kommt von λέγω, was auch „lesen“ heißt; Alexithymie lässt sich somit übersetzen mit: „Unfähigkeit, Gefühle zu „lesen“ und „auszudrücken“.

Dem Wortlaut nach stellt man sich fälschlicherweise häufig Menschen ohne Gefühle vor, doch das ist falsch. Gefühle existieren genauso wie bei jedem anderen Menschen, nur werden sie nicht bewusst als solche erkannt. So kann Herzklopfen beispielsweise nicht als Angst, sondern als rein somatisches Symptom wahrgenommen werden oder bei manchen Betroffen wird nur ein kleines Spektrum an Gefühlen bewusst wahrgenommen, die restlichen Gefühle äußern sich durch somatische Empfindungen. Die nicht erlebten Gefühle werden von den Betroffenen trotzdem rein kognitiv auf empathischer Ebene registriert und eingeordnet.

ALEXITHYMIE UND AUTISMUS

Autisten sind besonders häufig von Alexithymie betroffen, sehen dies jedoch keinesfalls als Einschränkung, sondern als andere Form die Welt zu erleben. Warum soll „anders sein“ immer ein Makel sein, nein „anders sein“ hat genauso seine Berechtigung und ist nicht krankhaft. Leider ist die Schulmedizin in diesem Gebiet noch auf dem konservativen Stand, dass alles was von der Norm abweicht als „pathologisch“ zu betrachten ist. Allerdings kann es nicht sein, dass die Schulmedizin über alles entscheidet, es gibt immer noch die ethische Sichtweise und eine moralische Begründung für eine andere Perspektive bzgl. des Themas Alexithymie und Autismus.

GRUNDLEGENDE KENNTNISSE ZU AUTISMUS

Ich wiederhole an dieser Stelle nochmals mit aller Deutlichkeit, dass Autismus keine Krankheit ist. Es handelt sich um eine neuronale Entwicklungsstörung, welche bereits vor der Geburt im Mutterleib entsteht und besteht. Leider liest man immer wieder von „Krankheit“ bei Autismus, doch das ist falsch und muss raus aus den Köpfen! Man kann Autismus nicht bekommen, Autismus ist nicht ansteckend, Autismus ist nicht heilbar und bedarf auch rein theoretisch keiner Heilung durch Nicht Autisten. Lernt Autisten zu akzeptieren, das ist es was sie brauchen! Autisten betrachten die Welt mit ihren eigenen Augen und aus ihrer Sicht ist alles normal und alles ok mit ihnen, nur merken sie, dass die Umwelt teilweise sehr ablehnend aufgrund der unterschiedlichen Verhaltensweisen und Wahrnehmung reagiert und versuchen sich mit aller Kraft und großer Anstrengung anzupassen.
Dieses Anpassen wird auch als „Maskieren“ bezeichnet und geht kräftemäßig weit über das normale Maß der Anpassungsleistung hinaus, die jeder Mensch in gewisser Weise leistet. Es kommt zu schweren Erschöpfungszuständen, „autistisches Burn out“ oder auch „Shutdown“ mit vorherigem „Overload“ genannt, wobei sich Autisten häufig nach einem gemeinsamen Treffen mit Nicht Autisten nicht selten 2-3 Tage alleine in Ruhe erholen müssen. Das ständige kognitive fokussieren auf Anpassung und das gleichzeitige Steuern der bewussten Anpassungsleistung und zudem der bereits erlernten Verhaltensweisen strengt Autisten derart an, dass es zu einer neuronalen Überlastung kommt, welche schwer auf die Gesundheit schlägt. Die Folge sind Depressionen, Suzidalität und einer Suizidrate bei weiblichen Asperger Autisten von 10% im Laufe des Lebens. Den schlimmsten Fehler, den man machen kann, ist zu denken oder zu sagen: „Wir müssen uns doch auch anpassen, die sollen sich nicht so haben.“ Nein, so ist es definitiv nicht, Autisten verrichten eine Art kognitiven Hochleistungssport und verausgaben sich dabei derart, wie es niemals dem Anpassungsverhalten eines neurotypischen Menschen entspricht. Schon alleine die bewusste Wahrnehmung liegt bei Autisten weit über dem Level von Nicht Autisten (bei ca 20-30%).
Ein neurotypischer Mensch hat im Durchschnitt eine bewusste Wahrnehmung von ca. 10%. Alles was darüber liegt, würde Nicht Autisten komplett überlasten, Autisten hingegen müssen diesem Hochleistungssport Stand halten. Ein neurotypischer Mensch kann sich empathisch meiner Erfahrung nach nur sehr sehr schwer in Autisten hineinversetzen. Keiner sollte sich anmaßen zu sagen, dass er einen Autisten wirklich versteht oder sich in seine Lage versetzen kann. Nicht Autisten können sich niemals in einen Autisten hineinversetzen und umgekehrt gilt das genauso. Der einzige Weg ist eine zunehmende Annäherung, viel Lernen über theoretische Hintergründe und Zusammenhänge, warum Autisten sind wie sie sind. Zudem viel Verständnis und Toleranz von beiden Seiten gegenüber den andersartigen Verhaltensweisen vom Gegenpart. Vor allem müssten Nicht Autisten endlich dazu bereit sein sich auch die theoretischen Hintergründe des Autismus fachlich fundiert und aus korrekten Quellen anzueignen. Ich bin schon oft geschockt gewesen, wie wenig Angehörige über Autismus und somit über den zur Familie gehörenden Autisten wussten. Sehr häufig fehlt es an einfachsten Grundkenntnissen, doch diese sind nun mal erforderlich, um Autisten annähernd verstehen zu können.

AUTISTEN VERSUS NICHT AUTISTEN

Ich betrachte Autisten und Nicht Autisten wie zwei völlig gegensätzlich funktionierende Menschenarten. Doch jede Art hat ihre Berechtigung. Man weiß aus der Urzeit, dass es autistische Steinzeit Menschen gab, diese haben innerhalb ihrer Gemeinschaft andersartige Aufgaben übernommen, als neurotypische Menschen. Jede Form hatte ihre Berechtigung, jeder wurde nach Begabung in die Gemeinschaft integriert.

Nicht Autisten kommunizieren eigentlich fast immer auf der Beziehungsebene, sehen Gruppenzugehörigkeit unterbewusst als höchst wichtig an und schließen sich in der Regel immer irgendeiner Gruppierung an, zudem erfassen sie die meisten sozialen Regeln nonverbal auf intuitive Weise auf, betrachten unausgesprochene Regeln als sozial gültig und bestehen teilweise auf sehr unlogisches Verhalten. Autisten hingegen kommunizieren meist auf der Sachebene, die Information ist das wichtigste und wesentliche der Kommunikation. Nonverbale Kommunikation zählt nicht. Sie fühlen sich keinem Gruppenzwang unterlegen, sie brauchen keine Gruppenzugehörigkeit, da sie sich als eigenständige, logisch denkende Menschen betrachten, die sich nicht den Normen bestimmter Gruppen nur um der Zugehörigkeit Willen beugen wollen. Sie sind freie Individualisten und keine Marionetten innerhalb einer Gruppe und ihrer Funktion. Es gilt zudem nur das was ausgesprochen wird und keine unausgesprochenen sozialen Regeln/ Verhaltensweisen. Diese sind für Autisten in der Regel nicht lesbar und deshalb nicht existent. Möchte man mit einem Autisten etwas vereinbaren, sind sie höchst zuverlässig und genau, es gilt das was verbal vereinbart wurde und nicht das was ein Nicht Autist nonverbal kommuniziert, automatisch voraussetzt und somit erwartet. Autistisches Verhalten basiert auf logischen Gedankengängen und nicht auf irrational empfundenen Gefühlen. Autisten sind sehr sehr wahrheitsliebend und immer auf der Suche nach einem logischen Weg, von „Glauben zu einem bestimmten Thema“ halten sie nichts, es zählen Fakten.

Es hat auch gewisse Vorteile, wenn Menschen rationaler und funktionaler denken, reagieren und handeln, als alles auf der emotionalen Beziehungsebene mit einer Portion trügerischem Bauchgefühl als Realität zu betrachten. Es ist bekannt, dass Menschen durch ihre gefühlsmäßige Wahrnehmung häufig in die Irre geleitet werden und die Realität verkennen, wenn sie sich nur auf ihr „Bauchgefühl“ verlassen. Dazu gibt es mehrere Artikel im Internet, da dies als erwiesen gilt. Sehr häufig haben Autisten begleitend Alexithymie, aber warum das so ist, ist noch weitestgehend unerforscht.

DER NEUE NAZIONALSOZIALISMUS

Doch was haben wir heute? Eine Gesellschaft, die Autisten dermaßen ausgrenzt, mobbt, stigmatisiert und Forschung zur pränatalen Diagnostik von Autismus und deren Beseitigung unterstützt und fördert. In gleicher Weise, wie nun Föten mit Down-Syndrom pränatal diagnostiziert und abgetrieben werden können. In welcher Gesellschaft leben wir? Das erinnert mich an den Nazionalsozialismus. Damals hieß es, dass „unwertes Leben“ ausgemerzt werden muss. Adolf Hitler hat im Oktober 1939, die Anordnung zur Ausrottung „unwerten Lebens“ offiziell verkündet und die Euthanasie mit Massentötungen von behinderten Kindern in Gang gesetzt. Mit diesem einzigen, von Hitler je persönlich unterzeichneten Auftrag zur Massentötung von Menschen, wurde das seit 1939 beschlossene „Euthanasie-Programm“ zur systematischen Ausrottung von behinderten und „geisteskranken“ Kindern im Nazi-Deutschland nun auch auf erwachsene Patienten ausgeweitet.

GRUNDLAGENFORSCHUNG ALEXITHYMIE

Spiegelneuronen sind das wesentliche neurobiologische Substrat der Theorie des Geistes und der sozialen Kognition, das eng mit der Alexithymie verbunden ist und parietale, temporale, prämotorische und cingulierte Kortizes sowie den unteren Frontalgyrus umfasst. Weitere beteiligte Strukturen sind die Amygdala (Gesichtsausdruck und emotionale Reaktivität), die Insula (Interoception, emotionale Integration und Empathie) und das Kleinhirn (limbisches Kleinhirn und somatosensorisches Bewusstsein). Die Molekulargenetik hat Polymorphismen in Genen des Serotonintransporters, in den Enzymgenen des dopaminergen Metabolismus und des vom Gehirn abgeleiteten neurotrophen Faktors nachgewiesen, während die Rolle von Oxytocin umstritten ist. Zusammenfassend haben wir mehrere Studien gefunden, die den überwältigenden Beweis einer neurobiologischen Grundlage für Alexithymie belegen. Dennoch ist die Forschung immer noch nicht schlüssig und muss ökologische, traumatische, soziale und psychologische Faktoren berücksichtigen, die zur Entstehung der Alexithymie beitragen.

Eine aktuelle Studie setzte sich die Frage zum Ziel, nach besonderen neuronalen Aktivierungsmustern auf emotionale Reize bei Alexithymie zu forschen. Bei jeweils acht hochalexithymen (HA) und niedrigalexithymen (NA) stationären Patienten mit psychosomatischen Erkrankungen wurde eine fMRT-Untersuchung während der Stimulation mit affektinduzierendem Bildmaterial für die Emotionen Angst und Ekel sowie mit affektneutralem Bildmaterial durchgeführt. Die Gruppe HA zeigte im Vergleich zu NA auf negative affektinduzierende visuelle Stimuli herabgesetzte Aktivierungen im medialen präfrontalen Kortex rechts und in der rechten Amygdala. Diese Effekte waren für die Emotion Ekel signifikant. Die Ergebnisse lassen die Existenz eines komplexen zentralen Regelkreises vermuten, an dem sowohl präfrontale Hirnregionen als auch limbische Strukturen in der Verarbeitung negativer Affekte beteiligt sind. Wir vermuten Inhibierungsprozesse zwischen den affektverarbeitenden (z. B. präfrontaler medialer Kortex und anteriores Zingulum) und den affektgenerierenden (z. B. Amygdala) Strukturen als einen wesentlichen Faktor in der Entstehung alexithymer Eigenschaften.

RESÜMEE

Diese Einblicke sollen mehr Wissen, mehr Aufklärung und somit mehr Verständnis füreinander schaffen. Ich gebe nicht auf, die autistische Sicht der Dinge und Zusammenhänge nieder zu schreiben, um für mehr Verständnis zu sorgen. Ich hoffe die Botschaft kommt an und es bleibt Wissen und zunehmend mehr Einsicht im Gedächtnis hängen, dass Missverständnissen vorgebeugt und Toleranz bemerkbar wird. Bereits kleine Kinder haben von ihrem Elternhaus gelernt, dass man Andersartigkeit als „seltsam“ betrachtet und ausgrenzen muss. Bereits im Kindergarten geben Kinder Inhalte der elterlichen Erziehung Preis und spiegeln den inhaltlichen desaströsen Tenor des Elternhauses wieder. Es ist teilweise sehr beschämend, was Kindern alles von zu Hause beigebracht bekommen. Eltern sollten sich ernsthaft darüber Gedanken machen, welche Art von Erziehung sie anwenden und ob diese so richtig ist.

 

 

Jenny Groß

1982 in Heidelberg geboren, fachgebundene Hochschulreife, im Anschluss das Latinum und Graecum (Altgriechisch) in einem Jahr absolviert, Ausbildung zur Krankenschwester in der Psychiatrie, viele Jahre Berufserfahrung im Fachbereich Psychiatrie (Akutpsychiatrie, forensische Psychiatrie, Polytox Station). Autismus Aufklärungsarbeit hat einen großen Stellenwert bei ihr, Spezialinteressen: Autismus und Psychiatrie.
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